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04.03.2008 16:45 Alter: 2 yrs

Agrarsprit bedroht die Guarani-Kaiowá in Brasilien

Kategorie: Erneuerbare Energien
Autor: Norbert Suchanek

Zuckerrohr zur Ethanolherstellung wächst längst auch in Nordbrasilien und im Amazonasgebiet. Auch Ölpalmen zur Biodiesel oder Agrardieselproduktion bedrohen zunehmend dieses Regenwaldökosystem. Doch noch bedrohter von der Agrarfront sind die Ökosysteme und indigenen Völker weiter südlich in den zentral- und südwestbrasilianischen Bundesstaaten.

Zeitsprung: Mato Grosso do Sul, 12. November 2005. Ein Mann, 65 Jahre alt, parkt kurz vor 12 Uhr Mittags seinen VW-Transporter im geschäftigen Stadtzentrum von Campo Grande, lädt zwei Kissen aus und legt sie überkreuz auf den Boden. Dann überschüttet er sie mit Benzin, dem Ethanol beigemischt ist, setzt sich darauf und zündet sich an. Der Mann hieß Francisco Anselmo Gomes de Barros, genannt Francelmo, war Umweltjournalist, Begründer der Umweltbewegung Mato Grosso do Suls und kämpfte ein Viertel Jahrhundert gegen die Ethanolproduktion in seinem Bundesstaat. 1982 hatte er ein Gesetz zum Schutz des größten Feuchtgebiets der Erde, dem Pantanal, durchgefochten und damit den Bau einer der größten Ethanolfabriken Brasiliens im Südosten des Pantanals in der Gemeinde Miranda verhindert. Sein grausamer Feuertod hat seine Ursache eben in diesem Umweltschutzgesetz. Wie es heißt, wollte Francelmo mit seiner Selbstverbrennung ein ultimatives Zeichen setzen, um die von der Ethanol-Lobby geplante Änderung des Umweltschutzgesetzes zu verhindern. Vergeblich! Die Regierung Mato Grosso do Suls schoss im Dezember 2006 Francelmos Gesetz ab und machte damit den Weg frei für die bis dahin größten Ethanolinvestitionen des Landes.

„Die Umweltministerin Marina Silva behauptet immer, die Expansion der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Ethanolproduktion werde auf bereits degradierten Gebieten geschehen“, kritisiert der erfahrene Journalist und Koordinator des Umweltinformationsplattform EcoDebate, Henrique Cortez. „Tatsache aber ist, dass die Agrarfront voranschreitet ohne so genannte degradierte Flächen zu nutzen. Warum? Weil die Wiederherstellung von degradierten Flächen teuer ist und viel Zeit beansprucht.“ Es sei schlichtweg schneller, billiger und einfacher für die Agrarindustrie den Cerrado abzuholzen und die Agrarfront weiter nach Amazonien zu treiben.

Bislang war Bundesstaat São Paulo Landesmeister in der Ethanolproduktion. Doch die Ethanolzukunft liegt nach Meinung von Milliardären wie George Soros in Mato Grosso do Sul. Denn für die Ausweitung des Zuckerrohranbaus verfügt der an Paraguay, Bolivien und Mato Grosso grenzende Bundesstaat, der international aufgrund des größten Süßwasserfeuchtgebiets der Erde, dem Pantanal, bekannt ist, über drei wichtige Faktoren: Billige, relativ fruchtbare und ebene Böden, gute klimatische Bedingungen und ausreichend Wasser. Soros lässt gerade Zuckerrohrmonokulturen auf 150.000 Hektar - in den Distrikten von Angélica und Ivinhema – anpflanzen und der neue Ethanolfabriken bauen. Angestrebte Verarbeitungskapazität: 11 Millionen Tonnen Zuckerrohr pro Jahr. Noch in diesem Jahr soll der erste Soros-Ethanol aus Mato Grosso do Sul fließen und seine Investitionen vergolden.

Insgesamt rechnete 2007 die Regierung des Bundesstaates mit Investitionen von rund zwei Milliarden US-Dollar und einer Ausweitung des Zuckerrohranbaus auf 710.500 Hektar bis 2009 sowie mit wenigstens 31 neuen Ethanolfabriken. Die Zuckerrohrproduktion Mato Grosso do Suls soll nach Meinung der Regierung bis 2012 um 620 Prozent steigen. Ob der Pantanal diesen Ethanolwahn vor seiner Haustür überstehen wird? Offiziell zumindest wollen Lula und sein Landwirtschaftsminister dieses größte Feuchtgebiet Erde nicht dem Biosprit opfern.

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