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24.08.2007 08:08 Alter: 5 yrs

Der gefährliche Traum von einer nachhaltige Biotreibstoff-Plantage

Kategorie: Erneuerbare Energien
Autor: Norbert Suchanek

Grundsätzlich sei es nach Meinung der GRAIN-Experten völlig unrealistisch anzunehmen, dass Agrartreibstoffe den globalen Energieverbrauch decken könnten. Selbst wenn die USA ihre gesamte Mais- und Soja-Ernte in Agrarsprit verarbeiteten, könnten damit lediglich 12 Prozent des nationalen Benzinverbrauchs und nur sechs Prozent des nationalen Dieselverbrauchs gedeckt werden, so GRAIN. Für die EU falle diese Bilanz sogar noch schlechter aus. Weshalb es klar sei, dass die Agrotreibstoffdiskussion vor allem auf die Entwicklungsländer abzielt, wo sich das Agrobusiness - auf Kosten von lokalen Bevölkerungen und Ökosystemen - noch weiter ausbreite.

Auch die oft von grünen Befürwortern angeführte Mär von der Möglichkeit einer ökologisch und sozial verantwortlichen Agrarsprit-Produktion in Lateinamerika, Asien oder Afrika hält den von GRAIN gesammelten Fakten und Analysen nicht stand. Die Produktion von so genannten nachhaltigen Agrartreibstoffen sei lediglich eine „Erfindung“ der profitierenden Industriebranchen als Antwort auf die zunehmende Kritik an Agrartreibstoffen.

Deshalb haben nun bereits dreißig deutsche Organisationen aus dem Umweltschutz- und Entwicklungshilfebereich, von Rettet den Regenwald bis zum Bund Naturschutz in Bayern, einen auf diesen Fakten basierenden Brief an den Umweltausschuss des Deutschen Bundestages unterschrieben. Die gewählten Volksvertreter werden darin schließlich aufgefordert, „Agrarenergie in keiner Weise zu fördern, sondern sich für konsequente Energieeinsparung einzusetzen.“

Diese Haltung entspricht ebenso der Meinung des bekannten, brasilianischen Befreiungstheologen Frei Betto, der sich jüngst in einem Bericht der „Correio Braziliense“ schockiert über die nationale und internationale Euphorie für Biotreibstoffe äußerte, die er als „Treibstoffe des Todes“ bezeichnet und damit frontal gegen den Karren der Regierung Lula da Silva tritt. Tag für Tag nudeln Radiostationen und Fernsehsender die Propaganda der Regierung und des staatlichen Erdölkonzerns Petrobrás für Biotreibstoffe und für „mehr Energie“ ab, während Lula gleichzeitig Brasiliens knappe Steuergelder für die umstrittene, mehrere Milliarden Euro teure Teilumleitung des Rio Sao Francisco verschwendet, gerade auch um damit neue Biosprit-Monokulturen im Nordosten zu bewässern - zu Lasten der am und vom Sao Francisco lebenden indigenen und traditionellen Bevölkerungsgruppen.

Laut Frei Betto habe aufgrund des heutigen Ethanolrauschs die Bevölkerung Brasiliens im ersten Halbjahr dieses Jahres bereits dreimal mehr für Nahrungsmittel ausgeben müssen, als im Jahr zuvor. In der ganzen Welt gebe es etwa 800 Millionen Autos - die gleiche Zahl von Menschen leide unter chronischer Unterernährung. Doch keine der von Ethanol und Biodiesel begeisterten Regierungen stelle den Individualverkehr in Frage. Betto: "So, als ob die Profite der Automobilindustrie tabu, unangreifbar wären." Der streitbare Dominikaner forderte die Regierung Brasiliens auf, sich wirklich um die Hungernden des Landes zu kümmern, anstatt die von Präsident Lula in diesem Jahr als „Helden“ bezeichneten Zuckerrohrunternehmer reicher zu machen.

Ungeachtet dessen verbreiteten namhafte Vertreter der deutschen Grünen Partei wie die Ex-Minister Jürgen Trittin und Bärbel Höhn erst Anfang Juli wieder im brasilianischen São Paulo das hohe Lied vom angeblich nachhaltigen Biotreibstoffanbau, den man „realistisch aber kühn“ vorantreiben müsse. Während dieser von Rio de Janeiros Heinrich Böll Stiftung mitorganisierten sommerlichen Auslandsreise trafen sich die Grünen Abgeordneten deshalb unter anderem auch mit Managern der Agrartreibstoffindustrie, um, wie es in der Mitteilung der Heinrich Böll Stiftung Rios heißt, die Ethanol- und Biodiesel-Realität aus der Nähe kennen zu lernen. Trittin lobte schließlich auch Lulas Ethanol-Helden „für ihre „große technische und logistische“ Erfahrung.

Norbert Suchanek, Rio de Janeiro,sexta-feira, 27 de julho de 2007

Norbert Suchanek

Journalist und Autor
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