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Elektrosmog: Tierisches Leiden im Kuhstall
Kategorie: Ökologische LandwirtschaftAutor: Bürgerinitiative Omega Klaus Rudolph
Einem Zürcher Bauern ist das Strahlen vergangen, seit auf seinem Hof eine Mobilfunkantenne installiert wurde: Die Tiere werden von mysteriösen Krankheiten befallen.
Von Christian Rensch
Zoe und Pia sind einige Wochen alt. Trotzdem werden die beiden Kälber das Licht der Welt nie ganz erblicken: Der graue Star trübt ihre Sicht. Noch schlechter geht es dem einjährigen Rind nebenan im Stall. Es sieht auf dem einen Auge nur tunnelförmig, auf dem andern ringförmig.
Ungewöhnlich ist auch der Fall von Kuh Werona: Ihre Haut ist extrem dünn. Auf der Weide blutete sie plötzlich am Bauch, der Tierarzt musste notfallmäßig zum Nähen anrücken. Von ihren beiden Kälbern hatte eines nur ein Auge, das andere Tier verstarb nach Hustenanfällen und geschwollenem Hals.
Längst keine Idylle mehr
Bauer Hans Sturzenegger ist verzweifelt. «Seit die Mobilfunkantenne auf unserem Hof steht, ist es bergab gegangen. Inzwischen wird kein einziges gesundes Kalb mehr geboren.» Der diplomierte Landwirt bewirtschaftet den 28 Hektaren großen Rütlihof im zürcherischen Reutlingen seit 1974 als Pächter. Mit seiner Frau Hildegard und den drei Söhnen lebt der 51-Jährige von Milchwirtschaft, Acker- und Tabakbau.
Eine Idylle ist das rund 150 Jahre alte Anwesen längst nicht mehr. Hinter der Lärmschutzwand grollt die A1, über dem Hof surrt eine Hochspannungsleitung, und viermal stündlich rattert die S-Bahn vorbei. Bis zur Aufrichtung der Orange-Antenne im Mai 1999 war für Familie Sturzenegger die Welt noch in Ordnung. Seither herrscht Ärger. Korrespondenz und Gutachten zum Thema Elektrosmog füllen zwei graue Plastikordner.
Die 15 Meter hohe Antenne neben der Tabakscheune sendet mit 710 Watt Leistung pro Segment. Ein weißer Container beherbergt weitere technische Anlagen. Für den Platzbedarf wird Hans Sturzenegger mit jährlich 2000 Franken entschädigt. Weitere 1500 Franken zahlt Orange an die Stadt Winterthur. Sie ist die Besitzerin des Rütlihofs und über die Vorkommnisse sehr besorgt. «Wir haben uns an den Kosten für die neu eingeleitete Gesundheitsabklärung beteiligt», sagt Erich Dürig von der städtischen Liegenschaftsverwaltung. «Doch für eine Kündigung des Orange-Vertrags wegen Unzumutbarkeit fehlen uns die Beweise.» Die beantragte UMTS-Aufrüstung des Masts werde so lange blockiert, bis die jetzigen Probleme geklärt seien.
Um Aufklärung hat sich das Tierspital der Universität Zürich bemüht. Alle Kälber und Kühe wurden im Oktober untersucht, doch die Ursache für die Erkrankungen blieb unklar. «Als Tiermediziner können wir elektromagnetische Störungen nicht direkt nachweisen, wohl aber andere mögliche Ursachen ausschließen», sagt Tierarzt Michael Hässig.
Hinweise auf Erbkrankheiten oder die berüchtigte Bovine Virusdiarrhö habe man nicht gefunden. «Diese Häufung von grauem Star bei Kälbern ist ungewöhnlich und deutet auf andere Ursachen hin», ergänzt Bernhard Spiess, Professor für Augenkrankheiten am Tierspital Zürich.
Ratlosigkeit herrscht auch im Bundesamt für Veterinärwesen in Bern. Eine Befragung unter Schweizer Tierärzten hat keinerlei Indizien für ein generelles Problem mit Elektrosmog zutage gefördert. «Es gibt wenige Einzelfälle», sagt Tierärztin Katharina Stärk. «Bei acht gemeldeten Höfen könnte es einen Zusammenhang zwischen Tierkrankheiten und Mobilfunkantennen geben.»
Nicht nur die Kälber und Kühe leiden seit der Errichtung der Antenne unter Gesundheitsproblemen. Laut Sturzenegger vermehren sich auch die Kaninchen auf dem Hof nicht mehr, und Turmfalken und Schleiereulen brüten erfolglos.
