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01.11.2008 08:14 Alter: 4 yrs

Hilfe fuer die Guarani Mbyá - Wenn Nomaden nicht mehr Nomaden sein können

Kategorie: Hintergrundinfos
Autor: Norbert Suchanek

„Früher war unser Leben nicht so wie heute. Die Straße, die BR 101 gab es nicht. Nichts war asphaltiert. Und wir Guarani machten unsere Wanderungen. Ein oder zwei Familien zusammen, wir zogen gemeinsam zu Fuß. Viele Kilometer. Manchmal dauerte die Wanderung ein oder zwei Jahre. Für uns waren diese Fußreisen die höchste Erfüllung. Doch heute können wir diese Wanderungen nicht mehr machen“, sagt Roque Benites, Cacique (Häuptling) der Guarani Mbyá vom Dorf Mamanguá im Süden Rio de Janeiros.

1983 zog er zum letzten Mal mit seiner Familie zu Fuß durch das traditionelle Territorium seines Volkes, die Region des so genannten Atlantischen Regenwaldes, das einst von Nordargentinien bis nach Nordostbrasilien reichte. Roque Benites: “Unser Leben als Guarani hat sich sehr verändert. Aufgrund des Autoverkehrs können wir nicht mehr zu Fuß umherziehen. Früher war ganz Brasilien das Land der Guarani. Doch heute gibt es diese Aufteilung und auch wir müssen nun für uns ein Stückchen Land demarkieren lassen. Damit wir überleben, unsere Familien erhalten können.“

Im Bundesstaat Rio de Janeiro sind die Guarani Mbyá zusammen mit einer Handvoll Guarani Andeva die beiden einzigen überlebenden indigenen Völker. Etwa 400 Guarani Mbyá leben hier verteilt auf vier Dörfer oder Kleinstreservate: Die nahe der BR 101 gelegenen Dörfer Sapukai im Distrikt Angra dos Reis sowie Parati Mirim, Araponga und das nur zu Fuß und per Boot zu erreichende Mamanguá im Distrikt Parati. Anders als Sapukai, Araponga und Parati Mirim ist Mamanguá noch nicht demarkiert.

Ein anderes Problem von Mamanguá:  Es fehlt schlicht an Palmblättern zum Dachdecken. Aus dem unter Naturschutz stehenden Wald dürfen die Guarani das Material nicht holen. Es muss derzeit noch von anderen Gebieten hergeschafft werden, doch dafür fehlt Geld. Sie behelfen sich noch mit Plastikplanen, doch die halten auch nur jeweils ein bis zwei Monate. Praktisch alle Guarani-Dörfer haben seit den 1980er Jahren dasselbe Dach- und Geldmangel-Problem. Damit sie buchstäblich nicht im Regen stehen, verwenden viele alte, asbesthaltige Eternit-Platten. Die sind billig zu haben, und die Guarani bekommen sie oft auch kostenlos als "Spende" von der nicht-indianischen Bevölkerung. Da bisher niemand die Guarani über die großen Asbestgefahren informiert hat, gibt es auch überhaupt keine Sicherheitsmassnahmen beim Umgang mit diesem Asbest-Eternit, weshalb die Indianerdörfer zu regelrechten Eternit-Abfallgruben verkommen.

In den meisten Fällen werden selbst zerbrochene Platten zum Dach decken oder als Wände benutzt. Rest-Eternit wird achtlos zu Boden geworfen und bleibt dort liegen, bis es ein Kind zum Spielen benutzt, in den Mund steckt, zerbricht und irgendwo anders hinwirft. Die gerade von zerbrochenen Platten frei werdenden Asbestfasern gelangen in Mund und Nase und so in die Lungen, wo sie in einigen Jahren Krebs und andere schwer zu heilende Krankheiten auslösen. Betroffen sind gerade die Kinder der Guarani. Doch dies soll in Mamanguá so nicht geschehen. Deshalb benötigt das Dorf erstens Hilfe zur Beschaffung von Material zum Dachdecken, damit es nicht so wie bereits viele andere Dörfer mit Eternit-Asbest-Resten kontaminiert wird.

Auf Bitten von Cacique Roque haben wir  Anfang 2008 einen ersten Dokumentarfilm (39 min.) über Mamanguá gedreht. Er zeigt die Situation und die Geschichte des Dorfes. Außerdem haben wir für Roque Benites eine CD mit der Musik der Guarani Mbyá von Mamanguá aufgenommen und zunächst 100 CDs mit Hilfe der Brasilieninitiative Freiburg produziert. Die Aufnahmen entstanden direkt im Opy, dem traditionellen Versammlungs- und Gotteshaus der Guarani Mbyá. Es ist eine sehr spirituelle, meditative Guarani Mbyá-Musik, die bisher so noch nicht in Brasilien aufgenommen und veröffentlicht wurde.

DVD und CD sollen sowohl nach außen wie nach innen wirken. Zum einen sollen sie den Guarani Mbyá eine Stimme geben, sie in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Zum anderen sollen sie helfen das kulturelle Erbe, die Traditionen der Guarani Mbyá auch für die kommenden Generationen zu bewahren. Und schließlich kommen die Erlöse aus dem Verkauf der CD und des Films direkt den Guarani Mbyá von Mamanguá zu gute.

Weitere Infos:

n.suchanek(at)online.de

Norbert Suchanek
Journalist und Autor
Internet: www.norbertsuchanek.org
E-Mail: norbert.suchanek(at)online.de


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