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Tourismusentwicklung nach dem Tsunami: Aus den Fehlern nichts gelernt
Kategorie: HintergrundinfosAutor: Norbert Suchanek
Schönheitsköniginnen statt Umdenken.
Auch ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe in Süd- und Südostasien haben Reiseindustrie und Tourismuspolitiker aus dem Unglück offensichtlich nichts gelernt. Statt die bisherige Tourismusentwicklung in den betroffenen Ländern zu überdenken, setzen sie konsequent auf den üblichen Massentourismus, Werbekampagnen und locken mit Sonderpreisen, gepaart mit Spendenwerbung für das gute Gewissen. Doch mehr Tourismus ist nicht die Lösung, sondern das Problem, sagen zunehmend Einheimische und kritische Tourismusexperten vor Ort.
Umgerechnet rund fünf Millionen Euro hat sich die thailändische Regierung die Miss-Universum-Wahl vergangenen Mai kosten lassen. Weltweit ausgestrahlte Kurzfilme zeigten die Bikini-Schönheiten an aufgeräumten, paradiesischen Stränden, in malerischen buddhistischen Tempeln oder auf farbenfrohen Märkten. Die 81 spärlich bekleideten „Schönsten“ der Welt sollten im "Land des Lächelns" unter der Regie der Tourism Authority of Thailand (TAT) den globalen Fernsehzuschauern beweisen, dass sich die Reiseziele Phuket und Krabi vom Tsunamidesaster erholt haben und wieder in Massen zu besuchen sind. Doch so rosarot die Sonnenuntergänge an Thailands Traumstränden auch sind. Die Realitäten, denen sich dort viele Einheimische gegenüberstehen, sehen anders aus. Etliche vom Tsunami heimgesuchte Ureinwohner, Dorfbewohner und traditionelle Fischer haben bis heute nichts von der staatlichen Hilfe gesehen und laufen stattdessen sogar Gefahr, auch noch ihr Land und Existenz zu verlieren. Denn „dankbar“, dass die Flutwelle so manchen „Strand“ kostenlos von Fischerhütten befreit hat, reißen sich nun Tourismusindustrie und thailändische „Landräuber“ diese Küstenabschnitte unter den Nagel. Wie Kriegsgewinnler nutzen sie die Gunst der Stunde, die ihnen die Tsunamikatastrophe beschert hat.
Wie Simon Montlake, Korrespondent des Christian Science Monitor berichtet, sei dies beispielsweise überall entlang Khao Laks vom Tsunami geschleifter Küstenlinie zu verfolgen. Hunderte von Familien drohen dort nach ihren Verwandten und ihrem Hab und Gut nun auch ihr Land zu verlieren. Simon Montlake. „Die meisten Küstenbewohner haben keinen offiziellen Landtitel, was es Tourismusentwickler und Landräubern leicht macht, sie zu von den lukrativen Küstengrundstücken zu vertreiben.“ Streit um Landtitel seien sowieso schon seit Jahren üblich in Thailand, vor allem wenn Tourismusdollar im Spiel sind.
So kämpfen derzeit auch rund fünfzig Familien im Fischerhafen Baan Naam Khem, der fast gänzlich durch die Flutwelle zerstört wurde, um das Recht, wieder ihre Häuser aufbauen zu dürfen. Doch ein Bauunternehmer, der sich unrechtmäßig die Landtitel aneignete, ließ dies mit Waffengewalt bisher verhindern. Die Fischer sollen ihre Häuser einige Kilometer weiter im Inland bauen, wo die Regierung den Tsunami-Opfern öffentliche Flächen als Bauland zur Verfügung stellt. Doch wie sollen Fischer fern von der Küste ihren Lebensunterhalt bestreiten? Ähnlich ist es auf der Insel Phi Phi Don. Dort sollen die rund 5000 Küstenbewohner ihre Siedlungen in der Bucht gänzlich aufgeben und in die Berge des Nationalparks ziehen.
Thailand ist nicht das einzige, von der Flutkatastrophe betroffene Land, in dem nun „Tsunami-Gewinnler“ die Chance beim Schopf packen, um die von der Flutwelle freigeräumten Flächen in Meeresnähe der Tourismusentwicklung zuzuführen. Auch in Südasien ist die Situation kaum anders, wie die indische Nichtregierungsorganisation Equations berichtet. So habe die Kommunalregierung in Andra Pradesh bereits einige vom Tsunami getroffene Küstenabschnitte, in denen bislang Dorfbewohner lebten, für neue Urlaubsorte reserviert, während den Fischern per neues Gesetz nun verboten ist, näher als einen Kilometer an der Küste zu siedeln. "Die Leute werden gezwungen, fernab der Küste zu wohnen - für Fischer eine Katastrophe, für andere ein massiver Eingriff in ihre Lebenskultur und eine ungewisse Zukunft", beklagt Equations.
Schon vergangenen Februar zeigte sich die Ecumenical Coalition on Tourism (ECOT) – eine Partnerorganisation des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) - besorgt, dass jetzt neue Tourismus-Ressorts überhastet und unkontrolliert erschlossen werden, speziell in Sri Lanka und auf den Andamanen und Nicobaren. Und der EED kritisierte das irreführende Angebot führender Reiseunternehmen wie der TUI, unter dem Siegel "nachhaltiger Hilfe" Pauschalreisen und Patenschaftsprojekte gemeinsam anzubieten - ohne zur zukünftigen Gestaltung des touristischen Kerngeschäfts Stellung zu nehmen. Tourismusbranche und Medien erwecken den Anschein, dass man den Menschen in Thailand, Indien und Sri Lanka schon mit einem Pauschalurlaub in die Regionen helfen kann. Diese Debatte ist nicht ehrlich und schadet mehr als sie hilft", warnt Konrad von Bonin, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Entwicklungsdienstes. "Nachhaltig sind nur Programme, die Strukturen verändern - das gilt auch für touristische Gebiete." Durch Patenschaftsprogramme für Kinder oder Familien allein werde aber die Abhängigkeit von außen verschärft, ohne dass sich die Perspektive für die Küstenbewohner verbessere.
