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Überfischt aber nicht am Sterben
Kategorie: Wale / Meerestiere, Gesundheit und ErnährungAutor: Norbert Suchanek
"Überfischung", "sterbende Meere", "aussterbende Fischarten". Seit Jahren stellen Umweltschutzorganisationen die Fischerei an den Pranger und warnen vor dem "Untergang" der Meere. Wenn das Artsterben so weitergehe, werde es bis Mitte des 21. Jahrhunderts keinen Fisch mehr geben. Doch was ist dran an diesen Sensationsmeldungen? Norbert Suchanek sprach mit Christopher Zimmermann, Meeresbiologe und stellvertretender Direktor des Instituts für Ostseefischerei des Johann Heinrich von Thünen-Instituts.
Suchanek: Stimmt es, dass die Meere überfischt sind und am Sterben sind?
Christopher Zimmermann: Tatsächlich sind viel zu viele Fischbestände übernutzt, das heißt sie werden so intensiv befischt, dass sie deutlich weniger produktiv sind, als sie bei vernünftiger Bewirtschaftung sein könnten - und damit liefern sie vor allem viel weniger Ertrag als möglich wäre. Der Nordsee-Kabeljaubestand liefert zur Zeit knapp 70 Kilotonnen (kt) Ertrag, davon nur 40 kt legale Anlandungen. Wenn der Bestand gesund wäre, könnte er leicht über 150 kt Ertrag liefern. Mit "sterbenden Meeren" hat dies allerdings nichts zu tun, hier geht es nicht um ein Artenschutz- oder Biodiversitätsproblem, sondern um ein ökonomisches Problem: Wir verschwenden durch schlechtes Management unerhörte Mengen wertvoller Nahrung.
Von aussterbenden Meeresfischen kann also - noch - keine Rede sein?
Zimmermann: Vom Aussterben ist - bis auf ganz wenige Ausnahmen, siehe Europäischer Aal - keine europäische Massenfischart bedroht. Diese Aussage von sterbenden Meeren oder auch nur von leergefischten Meeren liest sich einfach besser als Aufmacher als eine sachliche Analyse. Und selbst der Europäische Aal, um dessen Existenz wir inzwischen fürchten, ist nicht in erster Linie durch zu intensive Fischerei bedroht, sondern durch die Verbauung der Fließgewässer mit Kraftwerken und die Verschmutzung der Flüsse, die auf den Ernährungszustand und den Hormonhaushalt der erwachsenen Tiere erheblichen Einfluss haben können.
In der Nordsee leidet der Kabeljau an Überfischung. Wie sieht die Situation in der Ostsee aus?
Zimmermann: Auch in der Ostsee gibt es natürlich überfischte Bestände, der Dorsch der östlichen Ostsee war jahrelang ein Paradebeispiel. Für diesen Bestand haben wir Wissenschaftler jahrelang eine Schließung der Fischerei gefordert, wenn er sich - unserem Auftrag entsprechend, schnell und sicher wieder erholen können sollte. In den letzten Jahren, maßgeblich gefördert durch den Regierungswechsel in Polen und den damit einhergehenden Stopp der erheblichen illegalen Fischerei, ist der fischereiliche Druck auf diesen Bestand stark gesunken auf weniger als ein Viertel des Wertes von vor vier Jahren. Gleichzeitig haben wir durch reines Glück drei stärkere Nachwuchs-Jahrgänge in fünf Jahren verzeichnen können, was von den Umweltbedingungen, insbesondere vom Einstrom salzhaltigen Wassers aus der Nordsee in die zentrale Ostsee abhing. Und schließlich wurde ein Langfrist-Managementplan erlassen, der nun die Zunahme der Fangmenge dämpft. In der Summe führt all dies dazu, dass sich der östliche Dorschbestand innerhalb weniger Jahre vervielfacht, was auch zeigt, welches Erholungspotential selbst stark überfischte Bestände haben, wenn man sie nur lässt...
Kann der Verbraucher also heute Ostseefische unbedenklich essen?
Zimmermann: Aus unserer Sicht kann man alle Lebewesen aus der Ostsee essen, wenn sie aus legalen Quellen stammen, wenn die Art nicht aus Artenschutzsicht bedroht ist, wenn das Produkt nicht mit Schadstoffen kontaminiert ist und wenn keine ethischen Gründe gegen einen Verzehr sprechen. Und diese Kriterien erfüllen heute die wichtigsten Fischarten aus der Ostsee wie Dorsch, Flunder, Sprotte, Lachs und Meerforelle, andere Plattfische wie Scholle und Süßwasserfische wie der Zander. Bedenklich ist lediglich der Verzehr von Europäischem Aal, der auch in der Ostsee gefangen wird, weil er im Bestand bedroht ist, und der Verzehr von Hering aus der nördlichen Ostsee, weil er mit Schadstoffen belastetet sein kann. Noch mal: Überfischung ist vor allem ein ökonomisches Problem, das man durch besseres Management, aber kaum durch Konsumverzicht lösen kann.
Fische der Ostsee sind also nicht generell stärker mit Schadstoffen belastet als Nordsee- oder Atlantikfische?
