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Überfischt aber nicht am Sterben
Kategorie: Wale / Meerestiere, Gesundheit und ErnährungAutor: Norbert Suchanek
Zimmermann: Einige wenige Arten, wie der bereits erwähnte Hering als Fettfisch, kann in Teilen der Ostsee stärker kontaminiert sein als im "offenen Ozean". Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist die Ostsee ein Binnenmeer, eingeleitete Schadstoffe werden nicht schnell verteilt, und lagern sich sogar in den tiefen Becken der Ostsee ab, können also auch noch "recycelt" werden. Zweitens hat insbesondere die skandinavische Papier- und Schwerindustrie in der nördlichen Ostsee, im Bottnischen Meerbusen, über Jahre erhebliche Schwermetall- und PCB-Mengen eingeleitet. Drittens sind insbesondere die Heringsbestände in diesem Gebiet aus fischereilicher Sicht "unternutzt", das heißt die gefangenen Tiere weisen ein hohes durchschnittliches Alter von bis zu zehn Jahren auf und hatten damit bis zum Fang viel Zeit, toxische Substanzen anzureichern. Für Dorsch beispielsweise trifft all dies nicht zu. Er ist kein Fettfisch, der solche Stoffe stark anreichern würde, das mittlere Alter bei Anlandung liegt zwischen 3 und 6 Jahren, und ganz im Norden gibt es ohnehin keinen Dorsch, weil diese Art weniger tolerant gegen den abnehmenden Salzgehalt ist. Auch Hering der westlichen und zentralen Ostsee kann bedenkenlos verspeist werden, der Hering der westlichen Ostsee frisst ohnehin zu einem erheblichen Teil in der Nordsee oder im Kattegatt/Skagerrak, das gut durchströmt ist.
Ist die Ostseefischerei umweltverträglich?
Zimmermann: Die Beantwortung der Frage bedarf zuerst einer Definition von "umweltverträglich" oder "nachhaltig". Einige Fischereien haben aus unserer Sicht zu hohe Beifangraten - dieses Problem wird in sehr absehbarer Zeit durch ein Rückwurfverbot und größere Maschenweiten gelöst werden. Leider gibt es Hinweise, dass einige der - auf die Zielart bezogen - selektivsten Fischereien, wie die Stellnetzfischerei, in ausgewählten Gebieten besonders hohe unerwünschte Beifänge von Seevögeln und Seesäugern haben können. Die Daten hierzu sind jedoch alles andere als belastbar und werden von jeder Seite nach Belieben hoch- oder runtergerechnet. Wir bemühen uns derzeit, durch bessere Beifangdaten aus diesen Fischereien die Diskussion zu versachlichen. In der Summe ist, auch durch die vergleichsweise einfache Struktur der Fischerei und des Ökosystems in der Ostsee, hier besonders leicht ein nachhaltiges Management umsetzbar. Viele Fanggeräte mit hohen Beifangraten sind in der Ostsee ohnehin nicht zugelassen.
Die Zahl der hauptberuflichen Ostseefischer hat sich über die Jahre hinweg auf wenige hundert verringert. Ist die Ostseefischerei ein aussterbender Berufszweig?
Zimmermann: Aus unserer Sicht klar nein, Fisch ist eine sehr wertvolle Ressource, die auch in Zukunft geerntet werden kann und wird, und die Fangmengen werden mit dem sich deutlich zeigenden, aber oft quälend langsamen Managementwechsel erheblich steigen, einfach weil die Bestände dann wieder in besserem Zustand sind. Der Strukturwandel wird sich aber natürlich nicht aufhalten lassen. Der Technisierungsgrad wird weiter zunehmen, die Fischereifahrzeuge werden größer aber deutlich weniger, und damit auch der Personalbedarf geringer. Kleine Betriebe werden vermutlich ihre Nische finden, ähnlich wie in der Landwirtschaft geht dies aber auf Kosten der individuellen Erträge - viele Fischer haben schon heute einen Stundenlohn von unter fünf Euro. Dieser Berufszweig ist offenbar wie die bayerische Milchviehhaltung nur ausübbar, wenn man die Familie einbindet und an den Rand der Selbstausbeutung geht oder sogar darüber hinaus.
Danke für das Gespräch!
Norbert Suchanek
Journalist und Autor
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E-Mail: norbert.suchanek(at)online.de
