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09.06.2009 17:36 Alter: 3 yrs

Von der Dürre in die Traufe - Land unter im brasilianischen Nordosten

Kategorie: Hintergrundinfos
Autor: Norbert Suchanek

Berichte aus dem Nordosten Brasiliens handeln meist von Wassermangel. Doch in den vergangenen zwei Monaten herrschte gerade des Gegenteil. Weite Gebiete in den Nordoststaaten Maranhão und Piauí standen unter Wasser. Flüsse waren weit über die Ufer getreten, Tausende verloren Haus und Gut in den Fluten. Über die Ursachen dieser unverhofften Wasserfluten sprach Norbert Suchanek mit Dionísio Carvalho Neto, Koordinator des Umweltnetzwerks von Piuai (REAPI).

Der trockene Nordosten steht unter Wasser. Wie viele Menschen und Städte sind aktuell betroffen?

Mehr als 50 Städte stehen unter Wasser. Und mehr als 50.000 Menschen und deren Häuser sind direkt betroffen. Die Fluten erschweren aber auch das Leben derjenigen, die nicht direkt durch die Wassermassen betroffen sind, durch Einstellung der Trinkwasserversorgung, Stromabschaltungen, und Paralysierung des öffentlichen Diensts.

Saisonale Regenfälle und Überschwemmungen gab es schon immer im Nordosten. Was aber ist die Ursache, dass diese nun katastrophale Ausmaße angenommen haben?

Schon während der vergangenen fünf Jahre nahmen die alljährlichen Überschwemmungen in Piauí und Maranhão stark zu. Die maßlose Abholzung der Cerrado-Wälder und der Caatinga in den beiden Bundesstaaten haben den Boden ohne Schutz dastehen lassen. Statt das Wasser aufzunehmen und zu speichern, wird er von der Regenflut weggespült. Das Regenwasser fließt viel schneller ab und erhöht damit auch die Verlandung der Flüsse und Bäche. Das am stärksten betroffene Wasserbecken ist das des Rio Parnaíba, das die beiden Staaten durchzieht und eines der größten Brasiliens ist.

Welche Ausmaße hat die Abholzung der Wälder im Nordosten?

Die Zerstörung der Caatinga und des Cerrado geschieht ununterbrochen auf riesigen Flächen. Selbst die Regierenden geben inzwischen zu, dass die Vernichtung der Caatinga- und Cerrado-Wälder noch schneller voranschreitet als die Regenwaldabholzung in Amazonien.

Der Cerrado gilt als extrem vielfältiges Ökosystem. Wie hoch wird sein Artenreichtum eingeschätzt?

Die Wissenschaft hat bislang 12.000 Pflanzenarten des Cerrado katalogisiert. Aber es gibt hier noch zahllose weitere Pflanzenarten, die die Wissenschaft noch gar nicht entdeckt hat. Die Vielfalt an Heilpflanzen und Frucht-Sorten ist immens. Jedes Jahr werden neue Arten entdeckt. In jedem Hektar Cerrado, so die Forscher, könne man 400 verschiedene Pflanzenarten antreffen. An Tierarten hat man bereits 1.600 gezählt, darunter 195 Säugetierarten, von denen 18 endemisch sind und nur im Cerrado vorkommen.

Trotz seiner enormen Wichtigkeit für die Biodiversität unseres Planeten wird der Cerrado zur gleichen Zeit von der Welt vergessen! Was glauben Sie, ist die Ursache für diese nationale und globale Ignoranz?

Mit Sicherheit wird der Cerrado beflissentlich vergessen, weil er die produktivste Region Brasiliens ist, wo die großen nationalen und multinationalen Firmen ihre Plantagen errichten mit dem Ziel des schnellen Gewinns durch den Export von Soja, Agrartreibstoffen sowie der Ausbeutung von mineralischen Rohstoffen. Der Schutz dieses Ökosystems betrifft direkt die ökonomischen Interessen dieser großen Firmengruppen, und eine „Entwicklung“ ohne Rücksicht auf die ökologischen Kosten bringt eben schnelleren Profit. Maßnahmen zum Schutz des Cerrado behindern diejenigen, nicht nach den Gesetzen unseres Landes agieren wollen. Ein großer Misstand ist auch des Fehlen kompetenter Politiker im Naturschutzbereich. Gleichzeitig wird die Politik von Firmengeldern finanziert, wie Zum Beispiel der Gouverneur von Piauí, der bei der vergangenen Wahl vom Stahlunternehmen „Companhia Siderúrgica Nacional“ finanziert wurde.

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