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Erdölkonzern BP setzt auf Zuckerrohrethanol und bedroht Cerrado

Erst vor zwei Jahren investierte der britische Erdölkonzern BP Millionen in den Aufbau von Biodieselproduktion auf Basis von Jatropha-Plantagen in Afrika und Asien. Doch nun ist British Petroleum aus diesem inzwischen 220.000 Hektar Plantagen umfassenden Jointventure mit dem Unternehmen D1 ausgestiegen. BP investiert stattdessen jetzt in großem Maßstab in Zuckerrohrplantagen und Ethanolfabriken in Brasilien.

In den kommenden zehn Jahren will der Erdölkonzern insgesamt sechs Milliarden US-Dollar in das brasilianische Biospritbusiness pumpen. Die erste BP-Milliarde ist für den Ausbau von Plantagen und Ethanolproduktion von Tropical Bioenergia im zentralbrasilianischen Bundesstaat Goiás vorgesehen, wofür BP heftige Kritik von Umweltschützern erntet.

Denn in Zentralbrasilien schössen Zuckerrohrplantagen wie Pilze aus dem Boden - vor allem auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion, warnt Rettet den Regenwald in seiner Email-Aktion gegen BP. "Während die Front der Rinderzüchter und Sojafarmer weiter nach Norden in die Cerrado-Savanne und Regenwaldgebiete getrieben wird, dehnt sich die grüne Zuckerrohrwüste in Goiás bereits auf 458.000 Hektar aus. Etwa 60.000 Hektar davon gehen auf das Konto von BP's Ethanolraffinerie."

Auch die Landpastorale (CPT) kritisiert in ihrer aktuellen Studie, Os impactos da produção de cana no Cerrado e Amazônia (Folgen der Zuckerrohrproduktion in Cerrado und Amazonien): "Außer der Zerstörung von Urwald, vor allem Cerrado, übernahm die Zuckerrohrindustrie Flächen zur Nahrungsmittelproduktion und Rinderweiden, was konsequenterweise zur voranschreiten der Agrarfront nach Amazonien führt."

Auch die Anthropologin Andréa Lobo, Präsidentin des Instituto Sociedade, População e Natureza (ISPN), ist extrem besorgt über die unkontrollierte Ausweitung der Ethanolplantagen in den Cerrado-regionen. Die Zerstörung des Cerrado schreite mit einer Geschwindigkeit von etwa 22.000 Quadratkilometer pro Jahr voran. Selbst für Biodiversität und Naturschutz extreme wichtige Gebiete seien vom Agrospritboom bedroht, so die von der EU mitfinanzierte ISPN-Studie: Cana-de-açúcar avança em áreas prioritárias para a conservação e uso sustentável do Cerrado (Zuckerrohr rückt in für den Naturschutz und für die nachhaltige Nutzung des Cerrado Gebiet vor).

Andréa Lobo: "Die Abholzung des Cerrado für Zuckerrohr schädigt direkt die ländlichen Bevölkerungen, die von der nachhaltigen Nutzung der Biodiversität des Cerrado leben."

Allein in Goiás stehen schon 27 Ethanolfabriken. Weitere 28 Raffinerien sind bis 2012 geplant, so die Zahlen des Sindicato da Indústria de Fabricação de Açúcar do Estado de Goiás (Sifaeg). Insgesamt lägen der Landesregierung von Goiás 97 neue Ethanolprojekte zur Prüfung auf steuerliche Vergünstigungen vor.

Hauptgrund für den Ethanolboom in der Cerrado-Region vor allem von Goiás, Mato Grosso do Sul und Minas Gerais sind Umwelt- und Waldschutzgesetze, die lediglich Papiertiger sind, sowie ausreichende Wasservorkommen und ebene, für den Maschineneinsatz taugliche Flächen, auf die vor allem internationale Investoren ein Auge geworfen haben. Denn statt auf menschliche Arbeitskraft - wie in den traditionellen Zuckerrohrregionen in Südost- und Nordostbrasilien noch üblich - setzen die neuen Ethanolbarone wie BP auf seinen Plantagen in Goiás auf totale Mechanisierung, um sich nicht dem Vorwurf von Sklaveneinsatz aussetzen zu müssen. Laut Konzerninfo werde bereits die erste Ernte von BP in der kommenden Saison von geschätzten 2,4 Millionen Tonnen Zuckerrohr zu 100 Prozent mit Maschinen eingefahren.

Doch mit der Industrialisierung von Zuckerrohranbau und Ernte wird der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Denn Trotz aller berechtigter Kritik an oft sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen und ausbeuterischen, niedrigen Löhnen ist die saisonale Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern für Hunderttausende von Brasilianern die einzige Erwerbsquelle. Die Mechanisierung sei "ein Weg ohne Rückkehr", und die Ethanolproduzenten würden dafür Investoren suchen, um diesen Weg zu beschreiten, so Sérgio Prado, Direktor der Zuckerrohrethanolindustrie in der Region Ribeirão Preto.

Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

Norbert Suchanek
Journalist und Autor
Internet: www.norbertsuchanek.org
E-Mail: norbert.suchanek(at)online.de