Sie befinden sich hier:
Startseite->Artikel->Auf die (Öl-)Palme gehen

Auf die (Öl-)Palme gehen

Ich finde es ja sehr schön, gemütlich mit 40 bis 50 Stundenkilometern im Zug durch die Landschaft zu gondeln. Aber zeitgemäß ist dieses Vorkriegsschneckentempo für ein Massentransportmittel des 21. Jahrhunderts nicht. Leider aber sieht so teilweise die Realität auf der Bahnstrecke zwischen Töging/Mühldorf und Passau aus.

Mit dem Auto lege ich die gleiche Strecke in 60 bis 90 Minuten zurück, für die ich im Zug bestenfalls 2,5 Stunden brauche. Da ich weder 5 bis 7 Stunden pro Tag zur Arbeit in die Redaktion pendeln wollte, aber mich genauso wenig täglich mit dem Auto auf B 12 und A 94 dem leider noch immer oft tödlichen Straßenverkehr aussetzen und die Umwelt mit Abgasen, Feinstaub, Bremsabrieb und Lärm belasten wollte, blieb mir nichts anderes, als der Umzug übrig. Die schöne Stadt Passau hat nun einen Neubürger mehr. Die Region allerdings verlor einen Steuerzahler und wieder etwas Kaufkraft.

Ein funktionierender, öffentlicher Personennah- und Regionalverkehr ist nicht nur für Großstädte wie München wichtig. Gerade Regionen und Gemeinden fernab der Zentren brauchen einen guten ÖPNV und öffentlichen Regionalverkehr, sonst bluten sie noch mehr aus. Investitionen in öffentliche Transportmöglichkeiten sind Investitionen in die Zukunft, sind aktiver Klimaschutz, halten die Regionen lebendig, helfen, dass auch jüngere und ältere, nicht motorisierte Mitbürger am öffentlichen Leben teilhaben. Das haben leider in der Vergangenheit allzu viele Politiker, Bürgermeister und Landräte in der ost- und südostbayerischen Provinz nie kapiert. Nun scheint sich diese provinzielle Ignoranz sogar in Berlin breit zu machen. Als eine der ersten Maßnahmen kündigte die Regierung Merkel die Kürzung der ÖPNV-Subventionen an. Gute Nacht Deutschland! Der letzte löscht das Licht!

Aber noch etwas hat mich die Tage vor Weihnachten regelrecht auf die (Öl-)Palme gebracht.


Bei den Recherchen zum Thema Pflanzenöl war ich auf den wissenschaftlich scheinenden Bericht des Vorsitzenden des Bundesverbandes Pflanzenöle e.V. gestoßen. Allen Ernstes behauptet der Professor einer bayerischen Fachhochschule, man könne den Welterdölverbrauch beispielsweise mit Palmöl ersetzen, man müsse nur 12 Prozent der „Landfläche“ Afrikas mit Ölpalmen bepflanzen. Dass man sich mal grob verschätzt - sei es aus Überengagement oder persönlichen Interessenskonflikten - kann vorkommen. Nicht in Ordnung ist, dass die professoralen, schön gerechneten und auf falschen oder stark überschätzten Annahmen beruhenden Thesen blind von manchen Naturschutz- und Öko-Verbänden oder Solarvereinen weiterverbreitet werden. Auf Teufel komm raus wollte der Professor nachweisen, dass der Anbau von Pflanzenölen nicht auf Kosten des Nahrungsmittelanbaus geht — und traf offensichtlich auf viele gut gläubige Ohren.

Ausgangspunkt seiner Berechnung ist die Annahme, dass Ölpalmen 10.000 Liter Öl je Hektar liefern. Aber tatsächlich liegen die Erträge im Weltmittel nur bei 2.200 l und selbst der Spitzenwert nur bei 7.000 l. Und dass der Professor für seine weiteren Milchmädchenrechnungen als Grundlage die „Landfläche“ nimmt und nicht die tatsächlich vorhandene landwirtschaftliche Nutzfläche, ist so naiv wie kriminell. In der Sahara kann man keine Ölpalmen anbauen, auch nicht im Viktoriasee. Tatsächlich beträgt laut FAO die heutige landwirtschaftliche Nutzfläche Afrikas nur rund 7 Prozent der Landfläche des Kontinents. Da außerdem die Böden nicht alle gleich gut sind, kann man getrost davon ausgehen, dass nicht ein einziger Hirsehalm mehr für die Ernährung der Afrikaner oder für die „Aldi-Schokolade“ übrig wäre, wollte man die Energiewelt mit Palmöl aus Afrika beglücken. Und mit Regenwald, Gorillas, Elefanten und Naturtourismus wäre natürlich auch Schluss. Wer will schon in einer 10 Millionen Quadratkilometer großen Ölpalmplantage unter Pestizidduschen urlauben?

Mit weihnachtlichen Grüßen, das Murmeltier

Das Murmeltier ist das bekannteste Tier der Alpen. Der römische Historiker Plinius der Ältere nannte es "Mus Alpinus", die Alpenmaus, weil es "in den Löchern lebt und pfeift wie eine Maus." Biologen sagen, dass das Murmeltier weitsichtig ist und ein sehr gutes Gehör hat, so dass es fast das Gras wachsen hört. Und wenn es eine Gefahr wittert, warnt es lautstark mit schrillem Pfiff. Gründe genug, um es zum Symbol für diese Kolumne zu machen. Ein anderer Grund ist der amüsante Hollywoodfilm "Und täglich grüßt das Murmeltier", in dem ein zynischer Fernsehjournalist jeden Morgen aufwacht, um denselben Tag erneut zu erleben. Aber nicht nur im Film: Auch im wirklichem Leben kommt es ja einem manchmal vor, als hätte man das ganze schon mal erlebt und nichts würde sich ändern… Und zweimonatlich grüßt das Murmeltier.

Das Murmeltier ist eine Kolumne von Norbert Suchanek und erscheint in den Bionachrichten.