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Die Deutsche Bank und der brasilianische Rizinus-Flop

Der nordostbrasilianische Bundesstaat Piauí ist einer der Staaten mit den noch intaktesten Cerrado-Wäldern. Doch weil die Welt nur auf den Schutz des Amazonasregenwald schaut, können die nicht weniger wichtigen und arten reichen Cerrado-Gebiete rücksichtslos abhgeholzt werden für die Produktion von Soja, Holzkohle und seit 2005 auch - Dank deutscher Hilfe - für Biodiesel aus Rizinus. Doch das mit deutscher „Entwicklungshilfe“ vorangetriebene Rizinus-Biodiesel-Projekt von Brasil Ecodiesel erwies sich nun als zu bittere Medizin.

Fast exakt vor drei Jahren weihte Brasiliens Präsident Lula da Silva das Rizinus-Projekt der Firma Brasil Ecodiesel im nordostbundesstaat Piauí ein. Es sollte ein Vorzeigeprogramm für eine sozial und ökologisch verantwortliche Produktion von Biodiesel werden und Piauí zu einem brasilianischen Zentrum der Biodieselproduktion auf Basis von Rizinus und kleinbäuerlicher Landwirtschaft machen. Das zumindest war die erklärte Absicht von Präsident Lula, Piauís Gouverneur Wellington Dias und der Agrarspritfirma Brasil Ecodiesel, die 2005 zu etwa 45 Prozent an den Ecogreen-Investmentfond der Deutschen Bank verkauft wurde.

Inzwischen, drei Jahre später, hat sich das Projekt als Millionenflop erwiesen. Mehrere Tausend Hektar wertvoller Cerrado sind „für nichts“ rücksichtslos abgeholzt worden und Hunderte von Kleinbauern nun abhängig von der staatlichen Nahrungsmittelhilfe namens „Cesta Básica“. Dies hat zwei gravierende Gründe: Erstens erreichten die Erträge an Rizninusöl bei weitem nicht die Werte der rosaroten Versprechungen der Rizinuslobby. Laut angesehener Tageszeitung „O Estado de São Paulo“ seien die Ernteerträge lediglich im ersten Jahr für die Kleinbauern zufriedenstellend ausgefallen. Danach wurden sie immer niedriger, so dass die Familien nun faktisch von Almosen und der so genannten Cesta Básica leben müssten. Zweites ist Soja-Öl technisch einfach besser als Biodiesel zu verwerten als Rizinus. Vergangenen Juli schrieb die brasilianische Zeitschrift Epoca, die Versprechungen von Brasil Ecodiesel hätten sich nicht erfüllt. Seit Monaten stecke das Flaggschiff des Biodieselprogramms der Regierung Lula in der Krise. Die Aktien von Brasil Ecodiesel verloren deshalb seit Juli 2007 rund 70 Prozent an Wert.

Epoca attestiert der Biodieselfirma strategische Fehler. Das Aufkaufen von Rizinus, produziert von einem Netz von vielen weit verstreuten Kleinbauernfamilien, weit entfernt von den Märkten der Biodieselabnehmer sei schlichtweg zu kostspielig. Gleichzeitig warf die Tageszeitung „A Tribuna“ Brasil Ecodiesel vor, Kleinbauern betrogen und sich nicht an Preisabsprachen gehalten zu halten. In der Gemeinde Araranguá, im Bundesstaat Santa Catarina beispielsweise hätten die Rizinusbauern statt den versprochenen 0,75 Real pro Kilogramm lediglich 0,46 Real erhalten. Diese „Preisunsicherheit“ gepaart mit schlechten Anbauergebnissen hätten dazu geführt, dass die Bauern von Araranguá den Rizinusanbau wieder aufgaben. Eduardo Scavassa, Techniker von Brasil Ecodiesel, wies aber jegliche Betrugsabsicht seines Unternehmens weit von sich. Der Preis sei niedriger ausgefallen, weil die von den Kleinbauern gelieferten Rizinussamen nicht gewaschen und trocken waren. Etwa 40 Gewichtsprozent der Ernte habe einfach aus Schmutz und Erde bestanden, weshalb auch der Preis 40 Prozent niedriger ausfiel. Die Bauern von Araranguá hätten das wahrscheinlich nicht richtig verstanden.

Egal ob von Kleinbauern produziert oder aus der Großplantage. Rizinus eignet sich bislang nicht für das Biodieselgeschäft. Brasil Ecodiesel musste inzwischen einräumen, dass ihr Biodiesel weiterhin zu 90 Prozent aus Sojaöl besteht. Der auch von DED (deutschen entwicklungsdienst) und GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) geförderte Rizinus-Biodiesel ist schlichtweg ein Riesen-Flop, der leider mit einer nicht wieder gut zu machenden Umweltzerstörung größten Ausmaßes erkauft ist. Denn die zum Opfer gefallenen Cerrado-Wälder gelten als die Arten reichsten Gebiete Brasiliens, liegen sie doch exakt in der Übergangszone zwischen den Amazonasregenwäldern und den kakteenreichen Caatinga-Wäldern.

Schon vor zwei Jahren klagte der Präsident der einheimischen Wassserschutzstiftung Funáguas, Judson Barros, Brasil Ecodiesel der rücksichtlosen Abholzung des Cerrados an. Die Agrarspritfirma lasse 100.000 Hektar kahlschlagen und zu Holzkohle verkohlen, während gleichzeitig nur schätzungsweise 3.000 Hektar von rund 750 Kleinbauernfamilien mit Rizinus bepflanzt wurden.

Trotz des Rizinus-Reinfalls werde aber, so der „O Estado de São Paulo“, das Biodiesel-Projekt nicht aufgegeben, sondern die Firma wolle nun statt auf Rizinus auf Jatropha, die indische Brechnuss, als neuen zukunftsfähigen Biodieselrohstoff in Piauí setzen. Damit sind weitere Abholzungen vorprogrammiert, zumal Brasil Ecodiesel inzwischen den größten und modernsten, computerisierten Kohlemeiler des Landes errichtet hat. Offensichtlich lässt sich noch bis auf weiteres mit der Verkohlung von kostenlosem Cerrado-Wald mehr Geld verdienen als mit der Biodieselproduktion.

Brasil Ecodiesel wird übrigens seit 2005 von Deutschen Entwicklungsdienst (DED Brasilien) und der deutschen Gesellschaft fuer technische Zusammenarbeit (GTZ) im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft unterstützt. Der Biodieselrausch wird außerdem auch durch die Deutsch-Brasilianische Agrobusiness-Initiative, koordiniert vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), gepuscht. Denn Agrosprit bedeutet auch satte Aufträge für die deutschen Technik- und Baufirmen wie Siemens und Lurgi.

Norbert Suchanek, Rio de Janeiro


Norbert Suchanek
Journalist und Autor
Internet: www.norbertsuchanek.org
E-Mail: norbert.suchanek(at)online.de