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Organisierter Landraub in Mato Grosso

"Schmutziges Fleisch" und "Schmutziges Soja" - "Der Xavante lebt vom Cerrado und der Cerrado vom Xavante. Die Tiere leben vom Cerrado und der Cerrado von den Tieren. Der Xavante lebt von den Tieren, und die Tiere leben vom Xavante." So ein Schamane der Xavante.

Das Volk der Xavante in Zentralbrasilien ist ein Volk des Cerrado, einem nur in Brasilien vorkommenden Trockenwaldoekosystem zwischen Atlantischem Regenwald und Amazonasregenwald. Der organisierte Landraub und Genozid an den Xavante begann vor rund 50 Jahren mit Unterstützung von brasilianischer Regierung und Entwicklungsbanken. Der moderne "Kolonisator" Ariosto da Riva aus São Paulo kaufte im Norden Mato Grossos 418.000 Hektar Land billig auf und bekam weitere 400.000 Hektar von der Staatsregierung geschenkt, obwohl das Arten reiche, dicht mit Cerrado und Regenwald bestandene Gebiet angestammtes Xavante-Land war. Zusammen mit der Gruppe Ometto errichtete Riva dennoch dort die Rinderzucht-Fazenda Suiá-Missú mit rund 500.000 Hektar Grundfläche. Die auf dem Gebiet lebenden Xavante wurden während der ersten sechs Jahre zunächst mit per Flugzeug abgeworfenen Nahrungsmitteln "pazifiziert" und dann als billige Arbeitskräfte zur Rodung ihres eigenen Waldes ausgenutzt.

"Wir arbeiteten wie Sklaven", erinnert sich der Kazike Damiao, "viele von uns starben." Auf Betreiben der Salesianer und der damaligen Indianerschutzbehörde CPI fliegt die brasilianische Luftwaffe schließlich die "restlichen" 263 Xavante der Fazenda 1966 in die 400 Kilometer entfernte Mission São Marcos aus. Über 80 von ihnen sterben bereits innerhalb der ersten beiden Wochen in der Salesianer-Mission an einer Masernepidemie.

Während die Xavante bei den Salesianern in São Marcos verharren mussten, wurde die Fazenda zu einem Spekulationsobjekt. 1971 verkaufte Riva die nun "indianerfreie" Fazenda gewinnbringend an das italienische Unternehmen Liquifarm, das wiederum in 1980 an Italiens halbstaatlichen Erdöl- und Chemie-Riesen Agip geht. Dank des Drucks der italienischen Nord-Süd-Kampagne (Campagna Nord-Sud) gab der Agip schließlich öffentlichkeitswirksam während des ersten Erdgipfels der Vereinten Nationen (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro die bis dahin von 500.000 Hektar auf weniger als 200.000 Hektar zerstückelte Fazenda an die vertriebenen Xavante zurück. Die Fernsehwirksame Rückgabe des Indianerlandes feierte die Nord-Süd-Kampagne in Europa als "kleines, aber konkretes Ergebnis der großen UNCED-Konferenz". Doch die Rechnung wurde ohne den Wirt gemacht.

Anstatt umgehend das wiedergewonnene Land als Indianerterritorium anzuerkennen und die Xavante in ihre - zu diesem Zeitpunkt größtenteils noch nicht abgeholzte Heimat - zurückzufliegen, geriet die verschenkte Agip-Rinderfarm in die Mühlen der absurden brasilianischen Bürokratie und Justiz. Während die Ureinwohner weiter im Zwangsexil ausharren mussten, nutzten skrupellose Politiker und Großgrundbesitzer der Region das Vakuum. Ungeniert riefen sie nur wenige Tage nach der UN-Umweltkonferenz zum organisierten Landraub auf, um Fakten zu schaffen und die Rückkehr der Xavante nach Marãiwatsede auf Teufel komm raus zu verhindern.

Es dauerte skandalöse sechs Jahre ehe die Regierung Brasiliens schließlich das von Agip geschenkte Land mit einer Fläche von 165.241 Hektar als Indianerreservat anerkannte. Zu spät: Unter den Augen von Indianerschutzbehörde FUNAI, Umweltschutzbehörde IBAMA und Staatsregierung hatten sich bereits Dutzende von Großgrundbesitzern, Lokalpolitikern und Landspekulanten die ehemalig Agip-Fazenda unter den Nagel gerissen. Tausende von Hektar wurden abgeholzt und abgefackelt. Bodenspekulanten hatten bereits weite Gebiete wie einen Kuchen in kleine Parzellen aufgeteilt und unter dem Titel "Private Landreform" gewinnbringend an Hunderte von landsuchenden Familien weiterverkauft. Das Nachsehen hatten abermals die Xavante.

Die neuen, illegalen Besitzer der ehemaligen Agip-Farm klagten 1998 gerichtlich gegen die Präsidiale Anerkennung der indigenen Landrechte. Die brasilianische Justiz ließ die Klagen zu und vertagte die Rückkehr der Xavante bis zum endgültigen Richterspruch, während die illegalen Landbesetzer weiter abholzten, Tausende von Rinder für den nationalen und internationalen Fleischmarkt produzierten und inzwischen auch auf Tausenden von Hektaren Soja anbauten. Ungeniert investierten auch die großen Agrarkonzerne und Soja-Aufkäufer Cargill und Bunge in große Silos für die "illegalen" Sojabohnen aus dem besetzten Indianerreservat.

Oktober 2003 schließlich fand die Geduld der Xavante-Häuptlinge im Zwangsexil ihr Ende. Über 200 Xavante machten sich auf, ihr Territorium zurückzuerobern. Von Großgrundbesitzern und Kleinbauern gestoppt schlagen sie an der Grenze zu ihrem Land ein Protestcamp auf. Duzende von Xavante-Familien zogen nach. Ihr Protest und öffentlicher Druck zeitigte 2004 einen Teilerfolg, und sie gewannen etwa zehn Prozent ihres Landes zurück. Doch das per vorläufigen Gerichtsentscheid zugesprochene Gebiet war bereits größtenteils degradiert und umgeben von Rinderfarmen und Soja-Plantagen. Nichtsdestoweniger kämpften die inzwischen etwa 700 Xavante weiter um Rückgabe des gesamten, 1998 von der FUNAI demarkierten Reservats.

Nun, am 22. November entschied endlich das Tribunal von Mato Grosso über den Fall Marãiwatsede und zugunsten der Xavante. Das Gericht wies die Besitzansprüche von Großgrundbesitzern, Kleinbauern, Rinder- und Soja-Farmern am Xavante-Reservat zurück. Doch wer Brasilien kennt, weiß, dass die gerichtliche Entscheidung noch lange nicht die tatsächliche Rückgabe des Landes bedeutet. Denn die illegalen Landbesitzer werden nicht freiwillig weichen. Laut Richterspruch müssten die staatlichen Behörden nun erst Pläne entwickeln, um gewalttätige Konflikte zu vermeiden und den beteiligten Parteien so wenig Opfer wie möglich abzuverlangen.

Norbert Suchanek
Journalist und Autor
Internet: www.norbertsuchanek.org
E-Mail: norbert.suchanek(at)online.de