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Umwelt- und Nord-Süd-Nachrichten

Umwelt- und Nord-Süd-Nachrichten von Norbert Suchanek, Februar 2007

Mehr Biosprit weniger Essen

Die Bionachrichten, damals noch unter meiner Leitung, stießen vor ueber einem Jahr mit einer Spezialausgabe zum Thema Biodiesel und einem Text meines britischen Kollegen, George Monbiot, „Autos ernähren statt Menschen“ in ein Wespennest. Inzwischen ist diese Horrorvision leider schon in Teilen wahr geworden, zum Beispiel in den USA, wo George Bushs "Ethanoldelirium" (die forcierte Biospritproduktion aus Mais) den Preis für das gelbe Korn bereits verdoppelt hat. Wie der international bekannte Ökologe Lester Braun jüngst berichtete, würden die derzeit in den USA im Bau befindlichen Destillieranlagen künftig die Hälfte der US-amerikanischen Maisernte verschlingen. Brown: "Mit dem Korn, das für 100 Liter Ethanol gebraucht wird, kann sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren." In Brüssel starteten nun schließlich auch die EU-Grünen die Kampagne: "Mehr Menschen ernähren - weniger Auto fahren."

http://www.bionachrichten.de/archiv/BN99.pdf

EU im “Ethanoldilirium”

Die Lobby der Automobilindustrie und der Klimaschutz: Die EU-Kommission will beides unter einen Hut bringen setzt auf die falsche Lösung. Biodiesel und Biosprit.

Im Januar legte deshalb die Kommission eine Richtlinie zur Treibstoffqualität vor, in der die Hersteller verpflichtet werden, dem Benzin mehr Ethanol beizumischen um das Klima zu schützen. Die Treibhausgase aus dem Verkehr (Herstellung, Transport und Verbrennung von Treibstoffen) sollen so zwischen 2011 und 2020 um 10 Prozent reduziert werden, um die klima-schädlichen CO2-Abgase um 500 Millionen Tonnen zu verringern. Von Problemen bei der Alkohol- und Biodiesel-Herstellung - Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, mehr Pestizide usw. - und von Alternativen zum Individualverkehr, mehr ÖPNV zum Beispiel, will die von der Auto-Lobby offensichtlich verblendete oder kontrollierte EU-Kommission allerdings (noch) nichts wissen.

Auch manche deutsche Grüne nun gegen Biosprit

Nach langen Jahren der Pro-Biotreibstoff-Haltung ist nun endlich auch so manchem Grünen und der TAZ ein Licht aufgegangen. Biodiesel ist doch nicht so das Gelbe vom Ei. "Biobrennstoff ist für die Agrarindustrie der Königsweg, um von einem zerstörerischen Weg auf den anderen zu wechseln“, zitierte jüngst die TAZ die grüne Energieexpertin Rebecca Harms: Denn der Anbau von Biomasse im großen Stil bedeutet Monokultur, Pestizide und Gentech - genau das Gegenteil von nachhaltigem Landbau.

Selbst die „New York Times“ entdeckt Probleme des Biosprits

Der Traum vom ökologischen Biotreibstoff aus Palmöl könne ein Alptraum sein: Diese Überschrift stand nicht in irgendwelchen alternativen Öko-Zeitschriften, sondern am 31. Januar 2007 in der konservativen New York Times. Subventioniert von Regierungen investierten Energieunternehmen in neue Kraftwerke, die mit Pflanzenkraftstoffen befeuert werden und so in der Theorie umweltfreundlicher seien, so die New York Times. Doch wie Forscher nun im vergangenen Jahr in Indonesien und Malaysia feststellten, sei die Produktion diese Pflanzenöle, vor allem Palmöl, tatsächlich eher eine ökologischer Alptraum. Die Ausweitung der Ölpalmplantagen geschehe oft durch Trockenlegen und Abbrennen von Sumpfgebieten, was große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid freisetze.

http://www.nytimes.com/2007/01/31/business/worldbusiness/31biofuel.html

Biosprit oder Tortilla?

Wie Franz Alt berichtet, werde weltweit immer mehr Biosprit produziert - hauptsächlich aus Mais, Zuckerrohr und Raps. Doch diese Entwicklung könne zur Verteuerung von
Lebensmitteln führen, wie zum Beispiel in Mexiko. Dort sei der Tortilla-Preis jüngst um beinahe 100 Prozent gestiegen. Alt: „Ursache: Die Preise für den Tortilla-Rohstoff Mais sind stark angestiegen, weil aus Mais in ganz Amerika immer mehr Treibstoff für Autos hergestellt wird.“

Der einfache Umstieg von herkömmlicher Energie zu Bioenergien reiche nicht, so Alts Resümee. Der Umstieg auf erneuerbare Energien zu 100 Prozent müsse von einer Energieeffizienz-Revolution begleitet werden. Es führe kein Weg an kleineren, energiesparenderen Autos vorbei. Viel billiger - und verantwortungsbewusster - sei es, spritsparende Autos zu bauen anstatt immer mehr Bioenergie anzubauen und in die ganze Welt zu exportieren.

Kommentar:
Hier, meine ich, irrt Kollege und offensichtlicher PKW-Fan Franz Alt. Sparsame Autos helfen kaum, schließlich verbraucht bereits die Herstellung neuer, sparsamer Autos extreme Mengen an Energie, Rohstoffen, Wasser und Lebensraum. Ich empfehle allen, die neue sparsame Autos fordern, eine Reise zu den Orten in Amazonien, wo die Rohstoffe dafür ausgebeutet werden. Meines Erachtens führt kein Weg an „weniger Privat-Autos“ und mehr ÖPNV und mehr „zu Fuß“ gehen vorbei, was letztendlich auch zu einem gesünderen Leben führt.

Norbert Suchanek

Deutschlandfunk: Brandrodungen für Biokraftstoffe

Wie nun auch der Deutschlandfunk Anfang Januar 2007 berichtet, beschleunige der „Run“ auf Biokraftstoffe in Europa den Klimawandel durch massive
Brandrodungen für den Bau riesiger Palmölplantagen in den Tropenregionen. So
zum Beispiel auf der südostasiatischen Insel Borneo. „Laut WWF verschwindet hier alle 20 Sekunden eine Waldfläche von der Größe eines Fußballfeldes.“

Die Plantagenunternehmen schreckten auch nicht davor zurück, Bauern mit
illegalen Mitteln von ihrem Land zu vertreiben. Sie hätten schon ein ganzes
Dorf umsiedeln müssen, um die Bauern vor Übergriffen zu schützen, berichtet
Nur Hidayti von der indonesischen Organisation SAWITWATCH:

„Volle Tanks, leere Teller“

„Volle Tanks, leere Teller“, so betitelte am 23. Januar 2007 Spiegel Online und zeigte damit, dass das Thema „Biosprit“ nun auch - besser spät als nie - in den Redaktionsetagen des einst für seinen investigativen Journalismus gerühmten Nachrichtenmagazins angekommen ist. „Was auf der einen Seite der Grenze als Durchbruch in der Umwelttechnik gefeiert wird, schürt auf der anderen Seite die Angst ums Überleben“, so Spiegel Online. „In den USA boomt das Geschäft mit Bio-Sprit. Im Gegenzug wird in Mexiko nun der Mais knapp - und für die Armen unbezahlbar.”

Norbert Suchanek

Journalist und Autor
www.norbertsuchanek.org
norbert.suchanek@online.de